Unscharfe Fotos gehören zu den Dingen, die uns Fotograf:innen alle schon einmal in den Wahnsinn getrieben haben. Aber wenn du verstehst, warum deine Bilder unscharf werden, kannst du in Zukunft viel bewusster dagegen arbeiten.
In diesem Blogbeitrag schauen wir uns die wichtigsten Faktoren für “scharfe” Bilder an – verständlich, kompakt und praxisnah mit Beispielen aus meinem Foto-Alltag.
1. Schärfentiefe: Blende & Abstand
Die Schärfentiefe ist einer der stärksten Hebel für die wahrgenommene Schärfe im Bild. Eine offene Blende wie f/1.8 sorgt für eine sehr geringe Schärfentiefe – wunderschön für Porträts, aber heikel, wenn dein Model sich minimal bewegt und so rasch “out of focus” ist. Kleine Bewegungen reichen schon aus und dein Porträt ist nicht mehr knackig scharf. Verursacht durch die Blendenunschärfe.

Am Bild: ein typisches Beispiel für einen “verrutschten” Fokus” – hier liegt der scharfe Bereich an meiner Kette und nicht auf meinen Augen. Ich habe mich bewegt und war gleich “out of focus”.
Grundsätzlich schwieriger zu handeln ist diese Blendenunschärfe beim Fotografieren von mehreren Personen.
Ich achte bei kleineren Personengruppen immer darauf, dass ihre Augen ungefähr im gleichen Abstand zu mir liegen. Entweder gebe ich ihnen dafür eine kurze Anweisung oder ich passe meinen eigenen Standpunkt so an, dass die Gesichter automatisch in einer Linie stehen. Konkret mache ich das, indem ich meinen Standpunkt leicht erhöhe, absenke oder sonst meine Position anpasse. So kann ich auch mit einer relativ offenen Blende wie z.B. f/3.2 mehrere Personen scharf abbilden.

Das hat auch meine Foto-Kollegin Julia beim Familienfotoshooting mit uns gemacht. Indem unsere Köpfe und insbesondere die Augen auf einer Schärfeebene liegen, konnte sie die Blende weit öffnen und wir sind bei Blende 2.0 alle 4 noch perfekt scharf abgebildet.
c) Fotografin Julia Sonnleitner
Bei größeren Gruppen in mehrere Reihen schließe die Blende am besten auf ca. f/9 oder f/11 oder einen noch höheren Zahlenwert (= geschlossenere Blende), damit auch bei unterschiedlichen Abständen alle Gesichter scharf werden.
Aber die Blende allein ist leider noch nicht alles, das die Schärfentiefe beeinflusst:
Je näher du am Motiv dran bist, desto kritischer wird es, da sich die Schärfentiefe bei geringerem Abstand auch stark verringert.

Und genau darin liegt auch die Erklärung, warum du in der Praxis mit einem 35mm-Objektiv mehr Schärfentiefe bei gleicher Blende und gleichem Abstand hast als mit einer längeren Brennweite wie z.B. einem 105-mm-Objektiv (siehe Foto-Vergleich). Mit dem Teleobjektiv bist du näher dran und das sorgt für eine geringere Schärfentiefe.
Wenn du also oft mit zu geringer Schärfentiefe zu kämpfen hast, schließ die Blende oder geh ein Stück zurück. Das macht einen riesigen Unterschied.
‼ Zum Verständnis: Die Brennweite beeinflusst die Tiefenschärfe aber nur indirekt!
Ich möchte dich hier nicht maximal verwirren, aber eine oft missverstandene “Regel” besagt: Teleobjektiv = geringe Tiefenschärfe, Weitwinkel = viel Tiefenschärfe.
Das ist korrekt, aber nur, wenn man bei gleicher Entfernung fotografiert (siehe auch Bild oben).
Würde man mit einem Tele weit genug zurückgehen, damit das Motiv wieder gleich groß im Bild ist wie bei einem Weitwinkelobjektiv, würde die Tiefenschärfe eigentlich identisch aussehen.
Nur die perspektivische Verzerrung lässt die Bilder ganz anders wirken, but that’s another story … 😅
2. Belichtungszeit & Brennweite
Eine der größten Fehlerquellen bei unscharfen Fotos liegt meiner Erfahrung nach an der zu langsam gewählten Belichtungszeit in Kombination mit der Brennweite deines Objektivs.

Mit einem 50mm-Objektiv und schneller Bewegung zeigt sich hier bei 1/160 Sek. schon eine sehr deutliche Bewegungsunschärfe. Gut zu sehen an ihren Händen und Schuhen.
Dazu folgende superwichtige Erklärung: Längere Brennweiten haben ein engeres Sichtfeld und je länger die Brennweite, desto empfindlicher wird das System für jede Bewegung von dir und auch der deines Models.
Wenn deine Bilder mit einem 35mm-Objektiv also knackig scharf werden, aber beim 85mm nicht, liegt das nicht an dir – sondern an der Physik.
Das Prinzip funktioniert wie bei einem Fernglas:
– Schaust du durch das Fernglas mit wenig Zoom → Bild ruhig.
– Schaust du durchs Fernglas mit viel Zoom → es wackelt deutlich mehr.
Warum?
Weil der größere Zoom (die längere Brennweite) Bewegungen viel mehr verstärkt und die Kamera bildet diese auch stärker ab. Das ist ein physikalischer Effekt, den man immer bedenken sollte!
Folgende Richtwerte kannst du meiner Erfahrung nach aber grundsätzlich beachten:
Objektiv + minimale Belichtungszeit bei bewegten Motiven:
35mm: ca. 1/250–1/320 Sek.
85mm: 1/400 Sek., besser 1/640 Sek.
135mm: ca. 1/800 Sek.
Also: ‼ Bei längeren Brennweiten immer die Belichtungszeit verkürzen!
3. Die Fokusmethode
Für Portraits oder generell bei sich bewegenden Motiven nutze ich fast immer den kontinuierlichen Autofokus (AF-C/AI-Servo), ggf. kombiniert mit dem Augenfokus. Mit dieser Fokusmethode stellt deine Kamera laufend, also kontinuierlich scharf und es passiert weniger leicht, dass dein Motiv “out of focus” ist. Den Einzelautofokus (AF-S/Single Shot) empfehle ich bei Landschaften oder unbewegten Motiven.

Ein ganz typisches Beispiel, wenn der Fokus nicht sitzt. Nichtsdestotrotz mag ich dieses Bild auch wieder sehr, vielleicht genau wegen der Unschärfe, die so bei der Aufnahme eigentlich nicht beabsichtigt war. 😉
Wenn dein Fokus oft danebenliegt, kann dir die “Back Button”-Fokusmethode helfen. Darüber habe ich hier für Familienfotografin Leni Moretti einen ausführlichen Blogbeitrag geschrieben.
Und auch der nächste Punkt könnte dir helfen:
4. Auslösepriorität vs. Schärfepriorität
Kameras sind standardmäßig im kontinuierlichen Autofokus auf Auslösepriorität eingestellt – das heißt, sie lösen aus, auch wenn der Fokus noch gar nicht sitzt. Das führt leichter zu unscharfen Bildern.
Die Lösung: Stell auf Schärfepriorität! Dann löst die Kamera erst aus, wenn wirklich scharf gestellt ist. Das reduziert den Ausschuss an unscharfen Bilder nochmal.

An der Nikon Z8 ist für den kontinuierlichen Aufofokus standardmäßig auf Auslösepriorität gestellt. Das kannst du über das Menü im Unterpunkt a) “Schärfe” in der Individualkonfiguration ändern.
5. Verwackler durch den Fotografen
Ich gestehe: Ich bin eine “Fuchtlerin”. Ich spreche beim Fotografieren viel, bewege mich ständig, nehme die Kamera runter und wieder rauf und fotografiere nicht über den Sucher, sondern über das Display. Und genau diese eher unruhige Kamerahaltung führt leider immer wieder zu Mikroverwacklern und ist bei modernen, hochauflösenden Kameras schneller ein Problem als bei älteren Modellen mit weniger Megapixel.
Versuch daher beim Auslösen (und ich schreibs mir selbst auch ganz groß aufs Hirn! 😂):
- kurz ruhig werden
- Kamera stabil am Körper halten
- ausatmen, dann fotografieren
Allein damit erreichst du spürbar mehr Schärfe.
6. Die Grenzen des Bildstabilisators
Der Bildstabilisator in modernen Kameras hilft schon viel! Aber er hilft nur gegen deine eigenen Bewegungen – nicht gegen die deiner Models. Bei Kindern und lebendigen Situationen brauchst du also trotzdem eine kurze Belichtungszeit. (siehe Punkt 2)
Fazit
Schärfe entsteht durch ein Zusammenspiel aus Einstellungen, Technik, etwas Ruhe, Wissen und Erfahrung. Wenn du die oben genannten Punkte immer besser verstehst und im Griff hast, regelmäßig auch deine unscharfen Fotos auf die Fehlerquellen analysierst, wird deine Trefferquote an “perfekt” scharfen Bildern sehr schnell steigen.
Ich hoffe, der Beitrag hat dir geholfen!
Wenn du dir auch noch meine kompakte “Checkliste für scharfe Fotos – Die 10 häufigsten Fehler & ihre Lösungen bei unscharfen Fotos” holen willst, klick einfach hier unten auf den Download-Link! 😊
Wenn du noch weitere Fragen zum Thema hast – schreib mir gern!
Alles Liebe,
Daniela